
Der Aufsichtsrat von Volkswagen hat am 3. September 2026 einstimmig den „Zukunftsplan 2030“ gebilligt, der die Gesamtzahl der bis Ende des Jahrzehnts geplanten Stellenstreichungen auf 100.000 erhöht – rund 15 % der weltweiten Belegschaft des Konzerns. Diese Zahl addiert 50.000 neue Stellenstreichungen weltweit zu den bereits seit 2024 in Deutschland beschlossenen 50.000, vor allem bei der Marke Volkswagen. Nach fast zwei Jahren offener Spannungen, begleitet von Demonstrationen in Wolfsburg und Zwickau sowie einer von mehr als 200.000 Menschen unterzeichneten Gewerkschaftspetition, haben Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertreter einen Kompromiss gefunden, der die seit dem Sommer befürchtete offene Konfrontation zumindest vorerst abwendet. Die Abstimmung klärt nicht alles: Das Schicksal von vier großen deutschen Werken – Emden, Zwickau, Hannover und dem Audi-Werk Neckarsulm – bleibt offen, mit Fristen, die von 2031 bis 2034 reichen.
Ein Schritt für Schritt ausgehandelter Kompromiss
Der Abstimmung am Freitag war am Vortag eine Sitzung des Präsidiums des Aufsichtsrats vorausgegangen, vor der Plenarsitzung des Kontrollgremiums des Konzerns in Wolfsburg. In diesem sind Arbeitnehmer- und Kapitalseite paritätisch vertreten, und die Arbeitnehmervertreter verfügen über das deutsche System der Mitbestimmung über ein entscheidendes Gewicht bei Fragen, die die Industriestandorte betreffen – eine Struktur, die die Fähigkeit der Unternehmensleitung, eine rasche Umstrukturierung durchzusetzen, lange eingeschränkt hat.
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, würdigte eine Einigung, die nach harten Verhandlungen für gute Lösungen in dieser Krisensituation erzielt worden sei. Daniela Cavallo, Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, hob ihrerseits ein Vorhaben hervor, das die Zukunft von Volkswagen sichern solle, ohne den Beschäftigten einseitig auferlegte Maßnahmen. Für den Automobilexperten Ferdinand Dudenhöffer hat der Konzern in diesem Stadium vor allem einen vorzeigbareren Kompromiss erzielt als die schmerzhaften öffentlichen Debatten der vergangenen zwei Jahre.
Was der Plan vorsieht
Über das Ausmaß der Stellenstreichungen hinaus stellt der „Zukunftsplan 2030“ das Industriemodell des Konzerns grundlegend neu auf. Volkswagen plant, seine Modellpalette bis 2035 zu halbieren und die Komplexität seines Angebots um 75 % zu senken, indem technische Plattformen und Softwarearchitekturen gestrafft werden, um Doppelungen zu beseitigen. Als finanzielles Ziel wird eine operative Marge von 9 % im Jahr 2030 genannt, gegenüber knapp 3,8 % im ersten Halbjahr 2026, gestützt auf 135 Milliarden Euro an geplanten Investitionen zwischen 2027 und 2031 in Werke, Forschung und neue Technologien. Der Konzern räumt zudem eine Überkapazität von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr in Europa ein, eine direkte Folge des chinesischen Wettbewerbsdrucks und der rückläufigen Nachfrage auf dem alten Kontinent.
Die Unternehmensführung selbst soll „vereinfacht“ werden, ohne dass die genauen Modalitäten bislang dargelegt wurden. Das heikelste Vorhaben in diesem Bereich, die Ausgliederung der Marke Volkswagen in eine eigenständige Gesellschaft, stößt weiterhin auf den Widerstand des Betriebsrats und des Landes Niedersachsen, die darin eine Gefährdung der durch das spezielle, 1960 verabschiedete VW-Gesetz garantierten Mitbestimmungsrechte sehen.
Vier Werke in der Schwebe
Zwei Schließungen sind bereits beschlossen: die des Werks Dresden sowie das für 2027 vorgesehene Ende der Automobilproduktion in Osnabrück. Das Schicksal von vier weiteren Standorten bleibt dagegen offen. Informationen der WirtschaftsWoche zufolge, die Anfang September von Reuters aufgegriffen wurden, hat der Vorstand dem Aufsichtsrat vorgeschlagen, bis 2034 folgende Werke stillzulegen:
• Emden, wo derzeit der ID.4 und der ID.7 produziert werden, mit einer für 2031 vorgesehenen Schließung;
• Zwickau, wo der ID.3, der ID.4, der ID.5, der Audi Q4 e-tron und der Cupra Born montiert werden und rund 9.200 Menschen beschäftigt sind; auch hier ist die Schließung für 2031 vorgesehen, wobei das Werk mangels ausreichender Absatzmöglichkeiten bereits in zwei statt drei Schichten arbeitet;
• Hannover, das der Montage von Nutzfahrzeugen dient, mit einer Frist bis 2032;
• Neckarsulm, das Audi-Werk, in dem der A5, der A6, der A8 und der e-tron GT gefertigt werden, mit einer Frist bis 2034.
Allein auf diese vier Standorte entfielen rund 40.000 Arbeitsplätze. Der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Oliver Blume, hat eingeräumt, für diese Anlagen derzeit keine ausreichend wettbewerbsfähige Nutzung für die 2030er-Jahre zu sehen, betonte zugleich aber, dass bislang keine Schließung förmlich beschlossen worden sei. Die Abstimmung vom 3. September bestätigte den finanziellen Kurs und den Gesamtumfang der Stellenstreichungen, verschob jedoch die Entscheidung über die einzelnen Standorte: Der brisanteste Punkt der Akte ist noch zu klären.
Eine gewerkschaftliche Mobilisierung, die das Ergebnis beeinflusst hat
Das gesellschaftliche Klima rund um dieses Thema hatte sich über den Sommer deutlich verschärft. Im Juli hatten Beschäftigte mit IG-Metall-Fahnen vor dem historischen Stammsitz in Wolfsburg und in Zwickau demonstriert, während der Gewerkschaftsverhandler Thorsten Gröger warnte, ein Angriff auf Beschäftigte und Mitbestimmung berge das Risiko, einen großen sozialen Konflikt auszulösen. Eine von der IG Metall getragene Petition, die forderte, dass kein Stellenabbauplan ohne einen entsprechenden Investitionsplan umgesetzt werde, hatte innerhalb weniger Tage mehr als 200.000 Unterschriften gesammelt. Die gewerkschaftlichen Forderungen konzentrierten sich damals auf drei Punkte: eine Standortgarantie bis 2030, den Erhalt der dualen Ausbildung und eine Beteiligung an dem durch neue Bordsoftware geschaffenen Wert.
Dieser Druck hat die endgültige Gestalt des Plans unmittelbar beeinflusst, da die Unternehmensleitung auf jede unvermittelte, einseitige Ankündigung verzichten musste, um Anfang September die Einstimmigkeit des Aufsichtsrats zu erreichen.
Die nächsten Etappen
Der Kompromiss vom 3. September schließt vorerst die radikalste Option aus, die die Unternehmensleitung im Falle einer Blockade in Betracht gezogen hatte: die Einberufung einer außerordentlichen Hauptversammlung der Aktionäre, die für Oktober im Raum stand. Bei einer solchen Versammlung hätten die Gewerkschaften über kein Stimmrecht verfügt, während die Familie Porsche-Piëch (53,3 % der Stimmen) und Katar (17 %) gemeinsam nahe an die für größere strukturelle Änderungen erforderliche qualifizierte Mehrheit von 75 % hätten herankommen können – mit dem Risiko, Streiks auszulösen.
Der soziale Terminkalender endet damit jedoch nicht mit der Abstimmung vom 3. September. Für den 26. September ist ein von den Gewerkschaftsverbänden DGB und IG Metall organisierter bundesweiter Aktionstag gegen soziale Einschnitte in der Industrie vorgesehen, der über den Einzelfall Volkswagen hinausgeht, sich aber in denselben Kontext branchenweiter Spannungen einfügt. Auf industrieller Ebene wird die Automobilproduktion in Osnabrück bereits 2027 eingestellt, während die für Emden und Zwickau (2031), Hannover (2032) und Neckarsulm (2034) vorgeschlagenen Fristen ein mehrjähriges Zeitfenster eröffnen, in dem mit weiteren Verhandlungen Standort für Standort zu rechnen ist. Der Zeithorizont 2030 bleibt zudem für das Ziel einer operativen Marge von 9 % maßgeblich, und 2035 für die Halbierung der Modellpalette.
Das in Wolfsburg erzielte einstimmige Votum verschafft Volkswagen klare, öffentlich gemachte finanzielle und strategische Ziele und den Gewerkschaften Garantien gegen unmittelbare Schließungen sowie den Erhalt der Mitbestimmung. Das Schicksal der vier weiterhin bedrohten Werke bleibt offen, vertagt auf einen späteren Termin.
Quellen
• France 24, « Restructuration historique chez Volkswagen : 100 000 suppressions de postes d’ici 2030 », 3 septembre 2026. https://www.france24.com/fr/%C3%A9co-tech/20260903-restructuration-historique-chez-volkswagen-100-000-suppressions-de-postes-d-ici-2030
• France 24, « La menace d’un conflit social majeur plane chez Volkswagen », 9 juillet 2026. https://www.france24.com/fr/info-en-continu/20260709-volkswagen-fronde-syndicale-face-%C3%A0-un-projet-de-restructuration-in%C3%A9dit
• Agence France-Presse (via Bourse Direct), « Volkswagen obtient un accord pour mener sa plus vaste restructuration », 4 septembre 2026. https://www.boursedirect.fr/fr/actualites/categorie/economie/volkswagen-obtient-un-accord-pour-mener-sa-plus-vaste-restructuration-afp-004f13831922c2e75dd27962025ddaec7b61f298
• France Épargne, « Volkswagen : quatre usines allemandes menacées d’ici 2034 », 1er septembre 2026. https://www.france-epargne.fr/news/volkswagen-propose-la-fermeture-de-quatre-usines-allemandes-vote-decisif-le-4-septembre
• Path to Park, « Le vote du conseil d’administration de VW pourrait tester une solution pour contourner les vetos des syndicats », 1er septembre 2026. https://www.pathtopark.fr/le-vote-du-conseil-dadministration-de-vw-pourrait-tester-une-solution-pour-contourner-les-vetos-des-syndicats/
• Autoactu.com (AFP), « La menace d’un conflit social majeur plane chez Volkswagen », 10 juillet 2026. https://www.autoactu.com/actualites/la-menace-d-un-conflit-social-majeur-plane-chez-volkswagen
• L’Automobiliste, « Coup de tonnerre : Volkswagen coupe 15 % de ses effectifs mondiaux », 4 septembre 2026. https://lautomobiliste.fr/04/09/2026/volkswagen-coup-tonnerre-coupe-15-effectifs-mondiaux/
• Forococheselectricos (d’après WirtschaftsWoche/Reuters), « Volkswagen prepara la mayor reestructuración de su historia », 2 septembre 2026. https://forococheselectricos.com/noticias/volkswagen-cierre-4-plantas-20260902-41982.html
• IG Metall, fiche biographique de Christiane Benner. https://www.igmetall.de/presse/ig-metall-vorstand/christiane-benner
VW-Aufsichtsratssitzung: Eskalation verhindert – Vorstand muss jetzt seine Hausaufgaben machen
Gemeinsame Erklärung anlässlich der heutigen VW-Aufsichtsratssitzung von Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, und Daniela Cavallo, Vorsitzende des Gesamt- und Konzernbetriebsrats der Volkswagen AG:
„Der Konfrontationskurs und die Kommunikation des Vorstands in den vergangenen Wochen waren nicht zielführend. Beides hat konzernweit in der Belegschaft zu großer Verunsicherung geführt. Die Arbeitnehmerseite hat gemeinsam mit dem Land Niedersachsen in dieser Situation einmal mehr Verantwortung übernommen, eine gefährliche Eskalation des Konflikts verhindert und den Weg für tragfähige Lösungen geebnet. Dafür haben sich alle aufeinander zubewegt.
Eine Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen Pkw und der VW-Komponente ist vom Tisch, der Angriff auf die Mitbestimmungsstrukturen damit erfolgreich abgewehrt. Kein Werk wurde aufgegeben und entgegen mehreren Medienberichten ist keine Werksschließung besiegelt. Vielmehr müssen jetzt für alle Standorte konkrete Lösungen erarbeitet werden – dabei sehen wir weiterhin ausdrücklich den Vorstand in der Pflicht.
Wir erwarten, dass der Vorstand auf der Grundlage des heute erzielten Kompromisses nun seine Hausaufgaben erledigt und zügig Ergebnisse vorlegt. Er muss jetzt endlich die notwendigen Investitionen auf den Weg bringen, Innovationen vorantreiben und Beschäftigung dauerhaft sichern. Daran werden wir den Vorstand messen.
Wir sehen die Herausforderungen, vor denen der Konzern steht, und sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und unseren Beitrag zu leisten. Das haben wir heute erneut unter Beweis gestellt. Die Arbeit fängt jetzt erst an. Was wir jedoch auch weiterhin niemals akzeptieren werden, ist die Lasten einseitig den Beschäftigten aufzubürden.“


