AN DIE BIENNALE VON VENEDIG
AN DIE INTERNATIONALEN FILMFESTSPIELE
AN DIE ARBEITER*INNEN DES KINOS, DES AUDIOVISUELLEN BEREICHS UND DER KULTUR
UND DOCH BRENNT GAZA WEITER
Ein Jahr ist vergangen…
Vor einem Jahr schlossen sich Tausende Menschen dem Aufruf von Venice4Palestine an, um Palästina in den Fokus der Filmfestspiele zu rücken und den Widerstand des palästinensischen Volkes ins Zentrum der öffentlichen Debatte zu stellen: Endlich wurde offen von Genozid statt von Krieg gesprochen. Während wir von der Biennale und den Filmfestspielen eine klare Positionierung und von den Filmschaffenden ein Bekenntnis zur Solidarität forderten, schien die Vorführung von Sawt Hind Rajab (Die Stimme der Hind Rajab) während des Festivals plötzlich all diese Forderungen aufzugreifen und löste eine kollektive Erschütterung und Empörung aus. In den folgenden Tagen und Wochen gingen wir, als Teil jenes entstandenen Stroms des Bewusstseins, zu Millionen auf die Straße und fuhren aus Solidarität mit dem palästinensischen Volk aufs Meer hinaus. Eine Welle der Beteiligung ließ uns hoffen, dass wir gemeinsam dazu beitragen könnten, den Genozid zu stoppen.
Stattdessen hat sich eine neue Normalität durchgesetzt – auch dank eines vorgetäuschten Waffenstillstands. Israel hat nicht nur nicht innegehalten, sondern seine Feuerkraft auf das Westjordanland, Syrien, den Libanon und den Iran ausgeweitet und die Gräueltaten fortgesetzt. Für das palästinensische Volk hat sich nichts geändert, und Tränen genügen nicht, um uns zu entlasten: Sie sind vielmehr der Beweis dafür, dass wir unser kollektives Handlungsvermögen nicht mit hinreichender Kraft ausschöpfen.
Palästina erinnert uns daran, dass „eine andere Welt möglich ist“.
Vor fünfundzwanzig Jahren erlebten wir das kollektive Trauma von Genua 2001. Wir wurden Zeugen einer der schwerwiegendsten Aussetzungen der Demokratie. Die Ausdrucksformen des Dissenses wurden mit unsäglicher Gewalt zum Schweigen gebracht. Ein absichtlich zur Schau gestelltes Blutbad als demonstrativer Akt, um dem kollektiven Gedächtnis eine klare Ordnung für die Zukunft einzuprägen: sich an das Blut zu erinnern und die Ideen zu vergessen, die eine Gemeinschaft geäußert hatte, um die Welt zu verändern.
Jenes gewaltige Labor der Repression finden wir heute zunehmend in Italien und in vielen anderen sich demokratisch nennenden Staaten angewandt. Das unterdrückerische Mobbing unserer Regierungen, die repressiven Aktionen ihrer bewaffneten Organe, die freiheitsfeindlichen Gesetze, die von gefügigen Medien verbreiteten mystifizierenden Erzählungen bilden eine Mauer, an der die Forderungen nach Gerechtigkeit, Gleichheit und Gegenseitigkeit zerschellen. So tragisch und bitter es erscheinen mag: Der palästinensische Widerstand hat uns dennoch wieder mit der Idee verbunden, dass „eine andere Welt möglich ist“. Das palästinensische Volk widersetzt sich weiterhin und schafft, erzählt die gegenwärtige Realität unter Einsatz des eigenen Lebens, bewahrt die Erinnerung und nährt die Möglichkeit eines anderen, gerechteren Morgen: Wir haben die Pflicht, diese Lehre anzunehmen und in die Praxis umzusetzen. Die militarisierten Städte und die verfassungswidrigen Gesetze, die Dissens kriminalisieren, verraten die Angst eines entmenschlichenden Systems angesichts der Stärke einer bewussten und entschlossenen Gemeinschaft. Wir dürfen deshalb nicht zulassen, dass diese Vergeltungsmaßnahmen uns lähmen und spalten. Die Verschärfung der Repression ist der Beweis dafür, dass unser Handeln Wirkung zeigt. Wir müssen also weiter beharrlich bleiben.
Es ist bereits geschehen. Es geschieht gerade.
Hafenarbeiter*innen blockieren Waffenlieferungen und beanspruchen das Recht auf Kriegsdienstverweigerung als Schutzinstrument vor ungerechtfertigten Anschuldigungen und Disziplinarmaßnahmen. Bei der Kunstbiennale von Venedig trat, nicht zuletzt dank des Wirkens von ANGA (Art Not Genocide Alliance), die internationale Jury geschlossen zurück, und die Beschäftigten protestierten gegen die Eröffnung des israelischen Pavillons, indem sie zum ersten Mal in der Geschichte dieser Institution in Streik traten. In internationalen Gewässern trotzte die Global Sumud Flotilla der israelischen Belagerung und verwandelte Solidarität in konkretes Handeln, wodurch das wahre Gesicht eines verbrecherischen Staates offenbar wurde. All dies sind Kämpfe, die in dieselbe Richtung weisen: sich zu weigern, ein Rädchen der Normalisierung zu sein.
Ein Aufruf an die Filmfestspiele und an unsere Kolleg*innen:
Als Beschäftigte des Kinos, des audiovisuellen Bereichs und der Kultur glauben wir, dass es an der Zeit ist, uns in kollektivem Handeln zu organisieren, um konkret auf die Mechanismen der Mittäterschaft und der Normalisierung einzuwirken.
1- Die Lieferkette nachverfolgen, die Mittäterschaft durchbrechen
Das Kino stützt sich, wie viele andere Bereiche der Kunst und Kultur, auf Wertschöpfungsketten: Finanzierungen, Koproduktionen, Vertriebsvereinbarungen, Verkäufe, Festivals und Werkschauen, Partnerschaften mit Festivals und Sponsoren. Jeder dieser Schritte kann zur Normalisierung der gegenwärtigen Barbarei beitragen oder sich ihr entgegenstellen und sie unterbrechen. Es ist deshalb notwendig, in allen Phasen der Lieferkette Transparenz einzufordern und jegliches Abkommen mit Einrichtungen und Institutionen, die mit der israelischen Regierung verbunden sind, auszusetzen. Die Außergewöhnlichkeit des historischen Augenblicks, den wir erleben, zwingt uns dazu, Israel diplomatisch, kulturell und wirtschaftlich zu isolieren. Der Boykott, als Instrument des Drucks auf die Institutionen und als Form des Widerstands (in Beantwortung des 2005 von der palästinensischen Zivilgesellschaft über PACBI und BDS* lancierten Aufrufs), zielt nicht auf die Identität als solche, sondern wirkt genau auf die Mechanismen der Mittäterschaft ein. Und zwar so lange, bis sich die israelische Regierung dem Völkerrecht anpasst und wenigstens die drei im ursprünglichen BDS-Aufruf genannten Hauptbedingungen akzeptiert:
● die Besatzung und Kolonisierung Palästinas zu beenden;
● die Grundrechte der arabisch-palästinensischen Bürger*innen Israels anzuerkennen;
● das Recht der palästinensischen Geflüchteten auf Rückkehr zu ihrem Eigentum zu respektieren, wie es in der Resolution 194 der Vereinten Nationen festgelegt ist.
2- Vom Bewusstwerden zur gemeinsamen Praxis
Wir fordern alle Akteur*innen und Vereinigungen aus Kino, Medien und Kultur auf, sich zusammenzuschließen, um eine Schutzstruktur aufzubauen, die die Beschäftigten der Branche vor den beruflichen Risiken eines konkreten Engagements gegen den Genozid schützt, und so die berufliche Erpressung zu durchbrechen, die Ungehorsam heute entmutigt.
Aus der Notwendigkeit gemeinsamen Handelns haben wir zusammen mit einem juristischen Team ein erstes Instrument entwickelt, das es jeder*jedem Filmschaffenden ermöglicht, sich von der Mittäterschaft an den Verbrechen zu distanzieren, die Israel weiterhin ungestraft begeht. Dieses Dokument verbindet die italienische Verfassung, das Völkerrecht und das Urheberrecht als Antwort auf die jüngste Kontroverse um die Retrospektive des italienischen Kinos in Israel und auf das von den betroffenen Autor*innen geäußerte Gefühl der Ohnmacht hinsichtlich der Verwertung ihrer Werke und ihres Bildes.
3- Palästina gerät nicht in Vergessenheit
Um die Präsenz der beiden palästinensischen Filme Al Mowaten Osama von Ahmed Hassouna und Hiwar ma’ albahr von Muayad Alayan zu würdigen, bitten wir die Filmfestspiele, während der gesamten Festivaldauer auch die Flagge Palästinas neben allen anderen Flaggen zu hissen, die die Filme der offiziellen Auswahl repräsentieren, wie es üblich ist und wie es die offiziellen Informationsquellen der Filmfestspiele bereits anerkannt haben.
Im vergangenen Jahr hatten wir die Notwendigkeit betont, dass bei den Eröffnungs- und Abschlussfeiern der Filmfestspiele den Stimmen palästinensischer Künstler*innen Raum gegeben werde. Diesem Anliegen kamen die Präsidentschaft der Biennale und die künstlerische Leitung der Filmfestspiele nach, indem sie zwar keinen palästinensischen Stimmen Raum gaben, aber Personen einluden, die in Palästina tätig und Zeug*innen des Geschehens waren. Die jüngsten Äußerungen von Kardinal Pizzaballa, der schon vor einem Jahr auf der Bühne der Filmfestspiele Zeugnis abgelegt hatte, veranlassen uns, heute mit noch größerer Dringlichkeit zu fordern, dieses Zeugnis bei derselben Gelegenheit zu erneuern und jenen eine Stimme zu geben, die an der Seite des palästinensischen Volkes Widerstand leisten und weiterhin von jener unaufhörlichen Zerstörung berichten, der die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten sich noch immer nicht entgegenstellen wollen.
Wir fordern schließlich jede*n Beschäftigte*n des Kinos und der Kultur auf, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln weiterhin Palästina in den Fokus der Filmfestspiele und ins Zentrum der öffentlichen Debatte zu rücken, und laden alle zum Panel UND DOCH BRENNT GAZA WEITER – wozu dient Sehen, wenn nicht zum Handeln ein, das wir am Dienstag, den 8. September um 17.30 Uhr im Casa degli Autori, Via Pietro Buratti 1, Lido di Venezia abhalten werden, wo wir zu Gast bei den Giornate degli Autori sein werden, um gemeinsam mit unserem juristischen Team das Dokument vorzustellen, an dem wir arbeiten, und uns mit Expert*innen des Völkerrechts sowie Aktivist*innen von Global Sumud Flotilla, CRED, CALP USB, ANGA, Artisti #NoBavaglio und dem Gaza International Festival for Women’s Cinema auszutauschen, um gemeinsam neue Wege konkreten Handelns zu entwickeln.
GAZA BRENNT WEITER:
WOZU DIENT SEHEN, WENN MAN DANN NICHT HANDELT?
SCHLIESSEN SIE SICH DIESEM AUFRUF AN UND UNTERZEICHNEN SIE HIER
Lesen Sie hier das rechtliche Dokument.
*(BDS: Boycott Divest Sanction; PACBI: Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel)
ES HABEN UNTERZEICHNET:
Annie Ernaux – Schriftstellerin, Nobelpreisträgerin (Frankreich)
Roger Waters – Musiker (Vereinigtes Königreich)
Saleh Bakri – Schauspieler (Palästina)
Yanis Varoufakis – Ökonom und Hochschullehrer, Ex-Minister (Griechenland)
Matteo Garrone – Regisseur (Italien)
Fabrizio Gifuni – Schauspieler und Theaterregisseur (Italien)
Anna Foglietta – Schauspielerin und Regisseurin (Italien)
Laura Morante – Schauspielerin und Regisseurin (Italien)
Luigi Lo Cascio – Schauspieler (Italien)
Sergio Rubini – Schauspieler und Regisseur (Italien)
und 1155 weitere Personen sowie 45 Organisationen (vollständige Liste hier)


