Roberta Ferruti, tra le righe, 20.Juli 2026

„Das Meer nimmt, das Meer gibt“ ist ein altes Seemannssprichwort und eine volkstümliche Redewendung, die die doppelte Natur des Meeres zum Ausdruck bringt: eine großzügige Ressource, die Nahrung, Leben und Arbeit schenkt, zugleich aber auch ein unberechenbares und grausames Element, das Leben fordern und zerstören kann. Unser Mittelmeer erinnert uns jeden Tag daran: durch die Leichen von Migranten, die an den Küsten auftauchen, und durch Schiffbrüche, die inzwischen nicht einmal mehr Schlagzeilen machen. Heute scheint dieses Meer leider nur noch eine Quelle von Schmerz und Wut zu sein.
Und doch besitzt das Mittelmeer eine alte und komplexe Geschichte, die durch die Begegnung unterschiedlicher Kulturen, Geschichten und Völker, die im Laufe der Jahrhunderte seine Gewässer befuhren, noch außergewöhnlicher geworden ist. Vor allem zwischen dem 11. und 19. Jahrhundert war das Mare nostrum — von Marseille bis Istanbul, Tunis und Algier, Genua und Palermo — das Zentrum einer intensiven Handelstätigkeit von Seeleuten und Fischern aus den Küstenregionen Europas, Asiens und Afrikas. Zwischen ihnen gab es keine Barrieren, und die Verständigung wurde durch eine Sprache erleichtert: das Sabir, das in allen Häfen und auf den Schiffen des Mittelmeers gesprochen wurde. Es ist auch als mediterrane Lingua franca bekannt; der Name leitet sich vom Wort sabir — wissen — ab, weil Gespräche häufig mit Ausdrücken wie „saber“ begannen, also „etwas zu tun wissen“. Andere Autoren vertreten die Auffassung, der Begriff „Sabir“ sei aus Molières Werk Der Bürger als Edelmann übernommen worden, einem Werk eines der bedeutendsten Autoren des klassischen französischen Theaters des 17. Jahrhunderts. In der satirischen Komödie, die 1670 erstmals am Hof König Ludwigs XIV. aufgeführt wurde, lässt Molière den Mufti, einen hohen Amtsträger des religiösen Rechts in muslimischen Ländern, die Worte sprechen: „Se ti sabir; Ti respondir; Se non sabir; Tazir, tazir“, also: „Wenn du weißt, antworte. Wenn du nicht weißt, schweige.“
Es war eine Sprache, die entstand, um Befehle zu geben oder zu verhandeln, wie die Sätze belegen, die uns in Reisetagebüchern oder anderen literarischen Werken — etwa Miguel de Cervantes’ Don Quijote — überliefert sind. Ein weiteres typisches historisch überliefertes Beispiel für einen Satz auf Sabir lautet: „Anda, anda canaglia, anda a palazzo“ („Geh, geh, Schurke, geh nach Hause/zur Arbeit“).
Wie gesagt, war es eine Sprache, die zur Kommunikation und zur gegenseitigen Verständigung entstanden war und von der nur wenige schriftliche Zeugnisse erhalten geblieben sind. Erst 1830 wurde in Frankreich das „Wörterbuch der Lingua franca oder des kleinen Maurischen“ veröffentlicht, das viele Sabir-Begriffe bewahrte und einen Sprachführer für den Alltag von Menschen enthielt, die am Meer arbeiten und leben wollten. Im 19. Jahrhundert zerstreute sich sein Wortschatz jedoch und ging in den Dialekten der Fischer auf; viele Begriffe werden in Italien bis heute verwendet, um Fische, Winde, Teile von Booten oder Handelsverhandlungen zu bezeichnen. Wörter, die aus der Verschmelzung arabischer, griechischer und hispanischer Wurzeln entstanden waren, wurden im vollen Sinne zu lokalen Dialektwörtern. Es war eine Kontaktsprache, die niemandem gehörte, aber allen ermöglichte, einander zu verstehen — eine Sprache des Meeres „mediterraneus“, also „mitten zwischen den Ländern“, das die Wiege der westlichen Zivilisation dargestellt hat.
Nach Ansicht von Sprachwissenschaftlern und Glottologen gehört Sabir zu den ältesten und langlebigsten heute bekannten Pidginsprachen, also zu jenen Lexika, die sich aus der Verbindung verschiedener sprachlicher Einflüsse infolge von Migration, Kolonisierung und Handelsbeziehungen entwickelt haben, wie etwa Nigerian Pidgin, Chinglish (Chinesisch-Englisch) oder das südafrikanische Fanagalo. Sabir besaß keine komplexe Grammatik; es passte sich dem Kontext an und folgte dem Rhythmus von Gesten und Lauten. Sein Wortschatz war eine sprachliche Mischung der Mittelmeerküsten: zu 65–70 % italienisch, mit sehr starken Einflüssen der damaligen Seefahrerdialekte, insbesondere des Genuesischen und Venezianischen, danach Spanisch (10 %), einer weiteren großen Handels- und Imperialsprache der Epoche. Hinzu kamen Einflüsse aus dem Arabischen, Katalanischen, Griechischen, Okzitanischen, Sardischen, Sizilianischen und Türkischen.
Wie die Wellen des Meeres kam und ging das Sabir und veränderte und bereicherte sich jedes Mal: Seeleute aus Genua und Venedig brachten ihre Dialekte in den Mittelmeerraum und kehrten zugleich mit „hybridisierten“ Wörtern zurück, die sie in die lokalen Küstendialekte einführten. Das Venezianische und Ligurische nahmen in ihren maritimen Wortschatz Begriffe auf, die durch das Sabir verändert worden waren und sich auf Bootsmanöver, Winde und Waren bezogen, und stabilisierten sie dort. Das Sizilianische hingegen wirkte dank der strategischen Lage der Insel im Mittelmeer als Brücke. Das sizilianische Wort patruni (Herr/Eigentümer oder Kommandant) gelangte ins Sabir und entwickelte sich so weit, dass es sogar in den Küstenvarianten von Algier und Tunis Wurzeln schlug. Scirocco stammt vom arabischen šulūq (Südostwind); das Sabir standardisierte den Begriff und machte ihn für alle Seeleute des Mittelmeers allgemein verständlich, über lokale Varianten hinweg. Ghibli, ein libysch-arabischer Begriff, der über das Sabir den heißen Wüstenwind bezeichnete, wird heute in vielen Küstenjargons Süditaliens verwendet; bonaccia wiederum verbindet eine romanische Wurzel (gut) mit der für das Sabir typischen Vereinfachung und bezeichnet völlige Windstille und ruhige See.
In den sizilianischen und sardischen Dialekten — besonders im Zusammenhang mit Thunfischfang und Thunfischfallen — wird der Begriff Rais / Raisi bis heute für den obersten Leiter des Fischfangs verwendet. Er stammt direkt aus dem Arabischen ra’īs (Chef/Kommandant), einem Schlüsselwort des Sabir für den Kapitän eines Schiffes.
Die Liste der heute noch gebräuchlichen Wörter, die aus dem Sabir hervorgegangen sind, ist weiterhin sehr umfangreich und zeugt von einer mehrere Jahrhunderte währenden Epoche, in der unser Meer nicht nur Zentrum des Handels, sondern auch des kulturellen Austauschs war — eines Austauschs, der Sprachbarrieren überwand und eine einfache, direkte Form der Verständigung erfand. Ein Mittelmeer als Nabel der Welt, als Wiege von Zivilisationen und Wissen, weit entfernt von jenem Bild, das sich im kollektiven Vorstellungsraum der Menschen unserer Zeit immer stärker festsetzt.

Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, Robertas Text auf der Grundlage des „Wörterbuchs der Lingua Franca“ in rekonstruiertes Sabir zu übersetzen. Hier ist das Ergebnis. – FG
Sabir, lingua di mar fora di confino
«Mar pigliar, mar donar» star antico proverbio di marinaro e parola di popolo que mostrar doi natura di mar: mar star risorsa generosa, donar mangiar, vita e travalio; ma ancora star elemento que nessuno poder preveder, crudel, poder pigliar vita e destruir. Nostro mar Mediterraneo recordar questo ogni giorno, con corpo di migrante que venir fora lungo costa, con barco perder in mar e naufragio que adesso quasi non far più novella. Oggi purtroppo questo mar parir solamente fontana di dolor e rabbia.
Ma Mediterraneo tener storia antica e complessa, ancora più straordinaria per incontro di cultura, storia e popolo diferente que passar sopra suo aqua durante secolo. In particolar, da secolo undici fino secolo dezenove, da Marsilia a Stambol, Tunis e Alger, Genova e Palermo, Mare Nostrum star centro di grande commercio di marinaro e pescador que venir da costa di Europa, Asia e Africa. Fra loro non star barriera, e parlar insieme star più facile per una lingua, sabir, usada in tutti porto e sopra nave di mar Mediterraneo.
Sabir star conosciuto ancora come lingua franca mediterranea. Nome venir da parola sabir, saber, perché molte conversazione cominciar con parola come saber, volir dir saper far. Altro autore dir que nome sabir venir da opera Il Borghese gentiluomo di Molière, uno de grande autore di teatro francese di secolo dezessette. In questa comedia, mostrata prima volta in 1670 alla corte di re Luigi XIV, mufti, grande ufficiale di legge religiosa in paese musulmano, dir: «Se ti sabir; ti respondir; se non sabir; tazir, tazir», cioè: se ti saber, responder; se ti non saber, star zitto.
Questa lingua nascer per dar comando o per tratar, come mostrar frase restata in diario di viaggio e in opera di libro, ancora in Don Chisciotte di Miguel de Cervantes. Altro esempio conosciuto di frase in sabir star: «Anda, anda canaglia, anda a palazzo», cioè andar, andar canaglia, andar a casa o a travalio.
Lingua nascer per comunicar, per far intender, e poco testimonianza scritta restar. Solamente in 1830, in Francia, venir publicato Dictionnaire de la langue franque ou Petit Mauresque, que recuperar molte parola di sabir e tener ancora frasario per vita di ogni giorno di gente que voler travaliar e viver vicino mar. Ma durante secolo dezenove suo vocabolario dispersar e entrar dentro dialetto di pescador. Molte parola ancora oggi star usata in Italia per nominar pesce, vento, parte di barco o trato commerciale. Parola nata da mistura di radice araba, greca e spagnola diventar completamente parola di dialetto locale. Sabir star lingua di contacto que non appartener a nessuno, ma permitir a tutti di intender. Star lingua di mar mediterraneum, cioè «in mezzo di terra», mar que star culla di civiltà occidentale.
Secondo studioso di lingua, sabir star uno de più antico e più longo pidgin conosciuto oggi: lessico que nascer da unione di influenza di lingua diferente, dopo migrazione, colonizzazione e relazione commerciale, come pidgin nigeriano, chinglish de cinese e inglese, o fanalago sudafricano. Sabir non tener grammatica complicata; adattar a situazione e seguir ritmo di gesto e di sono. Suo vocabolario star mistura di lingua di costa Mediterranea: sessantacinque-settanta per cento italiano, con influenza molto forte di dialetto marinaro di quel tempo, specialmente genovese e veneziano; dopo spagnol, circa dieci per cento, altra grande lingua commerciale e imperiale. A questo aggiunger parola e influenza araba, catalana, greca, occitana, sarda, siciliana e turca.
Come onda di mar, sabir andar e venir, e ogni volta cambiar e diventar più ricco. Marinaro di Genova e Venezia portar suo dialetto dentro Mediterraneo e, nello stesso tempo, quando tornar a casa portar parola mesclata dentro dialetto locale di costa. Veneziano e ligure assorbir e fermar nel suo lessico di mar molte parola cambiata da sabir, parola per manovra di barco, vento e mercanzia. Siciliano invece far ponte, per posizione di Sicilia in mezzo di Mediterraneo. Parola siciliana patruni, padrone o comandante, entrar in sabir e cambiar fino restar ancora in variante di costa di Alger e Tunis.
Scirocco venir da arabo šulūq, vento di sud-est, e sabir far questa parola comune per tutti marinaro di Mediterraneo, passando sopra variante locale. Ghibli, parola libico-araba passata per sabir, indicar vento caldo di deserto, e oggi star usata in molto parlar di costa di sud Italia. Bonaccia, unione di radice romanza de bono con maniera semplice di sabir, indicar vento niente e mar completamente quieto.
In dialetto siciliano e sardo, specialmente nel mondo di pesca di tonno e tonnara, parola Rais / Raisi ancora oggi servir per indicar capo assoluto di pesca. Venir direttamente da arabo ra’īs, capo o comandante, parola molto importante in sabir per nominar capitano di nave.
Lista di parola ancora usata oggi e venuta da sabir star molto ricca. Questo mostrar un tempo durato molti secolo, quando nostro mar star centro non solamente di scambio commerciale ma ancora di scambio di cultura, capace passar sopra barriera di lingua e inventar maniera semplice e direta di comunicar. Mediterraneo star ombelico di mundo, culla di civiltà e di saber, molto lontano da imagine que sempre più entra dentro testa di gente di nostro tempo.
Roberta Ferruti star jornalista libera. Ella cominciar in anno novanta come cronista, travaliar con diferenti giornale locale e nazionale. Ella scrivir per Avvenimenti, Paese Sera, Il Manifesto e L’Espresso. Ella occupar di migrazione, accoglienza, politica di fora, viaggio, solidarietà e ecologia. Ella star fra promotore di primi Gruppi di Acquisto Solidale di Lazio. In 2016 ella cominciar lungo viaggio sola sopra rota di immigrazione, e viaggio finir a Riace. Ella star attivista Verde in anno ottanta e novanta e coautora di publicazione de Il Poligrafo, L’ecofemminismo in Italia. Le radici di una rivoluzione necessaria, curata da Laura Cima e Franca Marcomin. Ella scrivir per Comune.Info, Volere la luna, Pressenza. Da 2017 ella travaliar per RECOSOL, rete di comuni solidali. In 2018 ella publicar e-book Le mani in pasta, scrivito con migrante accolto in SPRAR di Gioiosa Ionica. In 2020, insieme con Rita Coco, ella publicar primo manuale sopra migrazione, UNA STORIA SCRITTA CON I PIEDI, editato da Recosol.



