Poorna Swami, The New York Review, 30.August 2026

An einem schwülen Morgen Ende Juli, als Zehntausende Demonstrierende ins Zentrum von Neu-Delhi strömten, um sich auf den Weg zum Parlament zu machen, schienen sie bereits zu ahnen, dass ihr Marsch historisch werden könnte. Die meisten waren Studierende und junge Hochschulabsolventinnen und -absolventen, viele von ihnen aus hunderte Kilometer entfernten Städten angereist, um an ihrer allerersten Demonstration teilzunehmen. Während ich mich durch die Menge zwängte, sah ich Plakate mit Karikaturen eines bebrillten, schnauzbärtigen Mannes, daneben in unterschiedlichen Schriften das Wort ZURÜCKTRETEN – ein Hinweis auf die zentrale Forderung der Kundgebung, Indiens Bildungsminister Dharmendra Pradhan müsse nach der verheerenden Weitergabe von Prüfungsfragen unter seiner Verantwortung zurücktreten. Fast ebenso häufig waren jedoch Porträts von Revolutionären aus dem indischen Unabhängigkeitskampf zu sehen: M. K. Gandhi, der Dalit-Führer B. R. Ambedkar 1 und, an jenem Tag am allgegenwärtigsten, Bhagat Singh.
Singh wurde 1907 in Banga (im heutigen Pakistan) geboren und wurde 1928 zum antikolonialen Aktivisten, als die siebenköpfige Indian Statutory Commission – nach ihrem Vorsitzenden John Simon im Volksmund „Simon Commission“ genannt – nach Indien kam, um die Voraussetzungen für Verfassungsreformen zu prüfen. Während sie von Stadt zu Stadt durch die Kolonie reiste, wurde die Kommission, der kein einziger Inder angehörte, von Scharen Demonstrierender mit dem Ruf „Simon go back“ empfangen. Bei einer Demonstration in Lahore unter Führung des indischen Nationalisten Lala Lajpat Rai schlug die Polizei brutal auf die Demonstrierenden ein; Rai starb kurz darauf an seinen Verletzungen.
Singh und seine Mitstreiter wollten Rais Tod rächen und planten, den Superintendenten zu ermorden, der die Polizeigewalt angeordnet hatte, töteten jedoch den falschen Mann. Singh entging der Verhaftung bis vier Monate später, im April 1929, als er und ein Gefährte kleine, nicht tödliche Bomben in die Zentrale Gesetzgebende Versammlung in Delhi warfen, in der Hoffnung, eine „proletarische Revolution“ anzustoßen. Statt erneut zu fliehen, blieb Singh am Tatort, rief revolutionäre Parolen und ließ sich anschließend festnehmen. Im vielbeachteten Prozess nutzte er den Gerichtssaal, um eine antikoloniale Botschaft zu verbreiten, vor allem an die Jugend des Landes. Im Gefängnis trat er in den Hungerstreik und forderte eine bessere Behandlung indischer politischer Gefangener. Bis zu seinem Tod hielt er daran fest, seine Gewalttaten seien keine „sinnlosen Ausschreitungen“, sondern kalkulierte politische Schritte auf dem Weg zur Freiheit. „Lasst mich mit aller Kraft, über die ich verfüge, verkünden, dass ich kein Terrorist bin“, schrieb er 1931 aus dem Zentralgefängnis von Lahore, weniger als zwei Monate vor seiner Hinrichtung durch den Strang.
Auf einem Banner, das an jenem Morgen in Delhi an einem Metallzaun am Straßenrand befestigt war, erschien Singh in einem ovalen Rahmen, flankiert von seinen Gefährten Rajguru und Sukhdev, die zusammen mit ihm hingerichtet wurden. In der Nähe drängte sich ein Mann durch die Menge, der ein weißes T-Shirt mit schwarzer Filzstiftaufschrift trug: „RUHM FÜR BHAGAT SINGH“. Viele Schilder und Plakate der Demonstrierenden zeigten ein bestimmtes Studiofoto Singhs mit einem nach links geneigten Filzhut. Sein Gesicht ist darauf glatt rasiert, abgesehen von einem dünnen, drahtigen Schnurrbart, der sein ansonsten jungenhaftes Aussehen kaum verdeckt. Unter einer Reproduktion dieses Bildes an jenem Tag – auf einem Plakat einer linken Studierendengruppe – stand auf Hindi der Satz: „Sieht aus, als müsste ich zurückkommen, Bruder.“
Obwohl die gewaltfrei protestierenden Studierenden ganz andere Methoden verfolgten als Singh, schien er dennoch etwas Zentrales in ihrem Kampf zu symbolisieren. In gewisser Weise war das kaum überraschend. Fast achtzig Jahre nach Indiens Unabhängigkeit beherrscht die Rhetorik der nationalen Integrität noch immer das öffentliche Leben, bis hinein in Alltagsgespräche. Die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) von Premierminister Narendra Modi, die das Land seit 2014 regiert, behauptet, Indien zu vorkolonialem Ruhm zurückzuführen, während ihre Kritiker dazu aufrufen, die „wahren“ inklusiven Werte der Nation gegen solche spaltenden Kräfte zu verteidigen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass indische Proteste in diesem Geist historische Figuren aufrufen. In den vergangenen Jahren sind Gandhi und Ambedkar zu einer Art Diptychon geworden, das die säkularen verfassungsrechtlichen Prinzipien verkörpert, auf denen die indische Republik gegründet wurde, während Singh – lange ein Symbol radikal linker Studierendenpolitik – von Gruppen im gesamten politischen Spektrum idealisiert und sogar vereinnahmt wurde. Die Mythologie dieses jungen Mannes, der seinem Land fieberhaft ergeben war, ist in mehreren Bollywood-Filmen verewigt worden, mit aufpeitschenden Dialogen darüber, dass die „Freiheit“ seine „Braut“ gewesen sei, und gewaltsamen Szenen, in denen die Briten ihn während seines Hungerstreiks zwangsweise ernähren.
Doch seine erneute starke Präsenz bei dieser Demonstration wirkte dennoch bedeutsam. Diese Schilder und Plakate deuteten einerseits auf den wachsenden Einfluss linker Studierendenaktivismen in diesem Moment hin, andererseits auf ein breiteres Bewusstsein in der Menge. Indem sie sich auf einen studentischen Führer aus der Kolonialzeit bezogen, schienen auch die vielen nicht organisierten Demonstrierenden zu sagen, dass sie nicht nur einige unhaltbare Politiken reformieren wollten, sondern die Nation selbst. In den vier Wochen, in denen die Proteste an Stärke gewannen, bekam diese grob gefasste antikoloniale Rhetorik komplizierte Folgen. Sie erlaubte Tausenden Menschen mit unterschiedlichen politischen Neigungen, sich als gerechtes Kollektiv zu verstehen und Modis Monopol auf die Sprache nationaler Bewahrung anzufechten; zugleich spielte sie die tatsächlichen politischen Spaltungen innerhalb der Protestbewegung und die Anliegen jener Gemeinschaften herunter – insbesondere der Muslime –, die in den vergangenen Jahren die Hauptlast öffentlicher Dissidenz getragen haben.
Die Protestierenden beriefen sich häufig auf die Vergangenheit, doch die unmittelbaren Auslöser ihrer Bewegung lagen eindeutig in der Gegenwart. Im Mai dieses Jahres soll eine Gruppe von Experten, die von der National Testing Agency beauftragt worden war, die Fragen der zentralisierten staatlichen medizinischen Aufnahmeprüfung weitergegeben haben, nachdem 2,27 Millionen Kandidatinnen und Kandidaten die Prüfung abgelegt hatten. Es war keineswegs das erste Mal in jüngerer Vergangenheit, dass die Ergebnisse einer großen öffentlichen Prüfung wegen administrativer Fahrlässigkeit für ungültig erklärt wurden. In den vergangenen fünf Jahren wurden mindestens fünfundvierzig große Prüfungen auf ähnliche Weise kompromittiert. In einem Land mit einem erschütternd wettbewerbsorientierten Bildungssystem und einem immer düstereren Arbeitsmarkt – fast 40 Prozent der Hochschulabsolventen unter fünfundzwanzig sind arbeitslos – sollen solche Leaks im vergangenen Jahrzehnt Dutzende Studierende in den Suizid getrieben haben.
Nur drei Tage nach diesem jüngsten Leak verschärfte der Präsident des indischen Supreme Court die Lage unbeabsichtigt, als er arbeitslose Jugendliche mit „Kakerlaken“ verglich. Als die Online-Reaktionen eskalierten, scherzte Abhijeet Dipke, ein Absolvent der Boston University mit Wohnsitz in den USA, in den sozialen Medien: „Was, wenn sich alle Kakerlaken zusammentun?“ Der Vorschlag fand schnell ernsthafte Anhänger, die sich unter dem Banner der „Cockroach Janata Party“ (CJP) versammelten. Sie nannten sich die „Stimme der Faulen und Arbeitslosen“ und richteten ihre Bemühungen bald auf eine breite Jugendkampagne für Bildungsreformen. In einem kaputten öffentlichen Bildungssystem, erklärten sie, könne Verantwortungsübernahme erst beginnen, wenn Pradhan zurückgetreten sei.
Das war keine kleine Forderung. In Modis zwölf Jahren an der Macht waren Dutzende Krisen gekommen und gegangen – von der über Nacht verfügten Demonetarisierung großer Banknoten bis zur weit verbreiteten Misswirtschaft während der Covid-19-Pandemie –, ohne dass ein einziger Kabinettsminister zurücktrat. Pradhan war sowohl für die BJP als auch für Modis engsten Kreis eine Schlüsselfigur, nachdem er den Wahlsieg der Partei im Bundesstaat Odisha gesichert hatte. Seine Demission zu fordern bedeutete, die höchste Ebene einer für ihre Unnachgiebigkeit bekannten Regierung herauszufordern.
[1] Bhimrao Ramji Ambedkar (1891-1956), indischer Jurist, Ökonom, Politiker und Sozialreformer aus einer Dalit-Gemeinschaft, war eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Kampf gegen das Kastensystem. Er leitete den Redaktionsausschuss der indischen Verfassung und war der erste Justizminister des unabhängigen Indien; für Dalit- und Anti-Kasten-Bewegungen wurde er zu einer zentralen Bezugsperson.

In vieler Hinsicht ist die CJP eine strukturierte Organisation: Sie hat eine erklärte Führung, offizielle Sprecher und inzwischen sogar einen Arbeitsausschuss. Von Anfang an bestand sie jedoch darauf, weder eine politische noch eine ideologische Partei zu sein, und gewann bald die Unterstützung von Gruppen mit konkurrierenden Vorstellungen von der Bewegung. Linke Organisationen wie die All India Students Association (AISA) und die Students Federation of India (SFI) – beide mit indischen kommunistischen Parteien verbunden – hatten seit mehreren Jahren gegen die Bildungspolitik der Regierung mobilisiert und unterstützten die Forderungen der CJP. Durch Proteste auf Delhis Hochschulgeländen und Straßen erfahren, zogen diese Gruppen große Teile der Studierendenschaft an; zugleich bildeten sie organisierte Blöcke innerhalb einer ansonsten weitgehend spontanen Protestbewegung.
In der dritten Juniwoche begann ein buntes Spektrum von Demonstrierenden, am Jantar Mantar zu campieren, einer Nebenstraße im Zentrum Delhis, die von der Polizei als städtischer Demonstrationsort zugelassen ist. Als klar wurde, dass die Regierung kaum die Absicht hatte, auf die Forderungen der Protestierenden einzugehen, trat der bekannte ladakhische Bildungs- und Umweltaktivist Sonam Wangchuk zur Unterstützung der Sache in den Hungerstreik. Drei AISA-Studierende schlossen sich ihm an und beriefen sich auf ihren Helden Bhagat Singh. Obwohl AISA und Wangchuk in mehreren entscheidenden Punkten uneins waren – Wangchuk unterstützte die umstrittene Nationale Bildungspolitik, die die Regierung 2020 eingeführt hatte, während AISA deren vollständige Abschaffung forderte –, fasteten sie die folgenden drei Wochen Seite an Seite weiter.
Die CJP-Führung und Wangchuk saßen auf einer imposanten Bühne an einem Ende des kargen Geländes, während Studierende auf beiden Seiten kleinere Zelte aufstellten. Den ganzen Tag schlugen sie eine Trommel und riefen Parolen – „Es lebe die Revolution!“, „Dharmendra Pradhan, tritt zurück, tritt zurück!“ –, während ihre hungerstreikenden Mitstreiter hinter ihnen auf niedrigen Podesten lagen. Bald kursierten in den sozialen Medien Bilder des neunundfünfzigjährigen Pädagogen und der sich aufopfernden Studierenden, die von Helfern gestützt werden mussten, nur um zur Toilette zu gelangen. Immer mehr Unterstützer strömten zum Jantar Mantar. Dann, am 18. Juli, griff die Polizei von Delhi ein. Sie trug Wangchuk hinter einem Kordon weißer Bettlaken fort und behauptete, gerichtlich angewiesen worden zu sein, ihn ins Krankenhaus zu bringen.
Videos der Aktion verbreiteten sich rasend schnell in den sozialen Medien. Falls die Regierung gehofft hatte, Wangchuks Entfernung werde die Proteste beruhigen, bewirkte sie das Gegenteil: Über Nacht wurde er zum Symbol für die Gleichgültigkeit der Modi-Regierung gegenüber der Bildungskrise des Landes. Zwei Tage später, am 20. Juli, platzten die Straßen rund um Jantar Mantar weit jenseits aller Erwartungen aus allen Nähten: Protestierende waren bereit, zum Parlament zu marschieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich beschlossen, jeden Tag zum Jantar Mantar zu kommen, um die Bewegung aus der Nähe zu beobachten.
An jenem Morgen hatte die Polizei die Kundgebung zur rechtswidrigen Versammlung erklärt, und Schilder auf der Straße zum Jantar Mantar warnten die Menschen, dass bereits ihre Teilnahme einen Gesetzesverstoß darstelle. Fünf nahegelegene Metrostationen waren geschlossen und die mobilen Internetdienste abgeschaltet worden, sodass Menschen in einem Teil der Demonstration nicht wussten, was in einem anderen geschah. Von Polizei und paramilitärischen Kräften in ein winziges Gebiet eingepfercht – an seiner breitesten Stelle weniger als einen Kilometer –, drängte die Menge nach einem Ausgang. Ich kämpfte mich von Parliament Street zurück zur Metrostation Janpath und dann weiter zum Press Club an der Raisina Road.
Als sich die Demonstration vom Jantar Mantar aus ausweitete, feuerten Polizei und paramilitärische Kräfte der Rapid Action Force – von denen nur wenige ihre üblichen Erkennungsabzeichen zu tragen schienen – mehrere Salven Tränengas in die Menge. Die Menschen um mich herum rannten in Panik davon, manche drohten einander niederzutrampeln. Als ich Kolleginnen und Kollegen in sicherer Entfernung traf, sagte mir einer, die Polizei habe die Bühne geräumt und die Zelte niedergerissen, die den campierenden Hungerstreikenden im Zentrum der Proteste Schutz geboten hatten. Einige Straßen weiter, berichtete ein Freund, habe die Polizei unbewaffnete Demonstrierende mit Schlagstöcken verprügelt; mehrere Menschen hätten Knochenbrüche und blutende Kopfverletzungen erlitten. Später, als ich durch die geleerten Straßen ging, sah ich verstreute Demonstrierende mit blauen Flecken an den Beinen humpeln. Schuhe und Sandalen lagen auf der Fahrbahn verstreut. Wenige Stunden später würden Videos im Netz kursieren, auf denen maskierte Männer in Zivil zusammen mit uniformierten Polizisten Demonstrierende schlugen; die Polizei hat bis heute nicht erklärt, wer diese Männer waren.
In den folgenden vierundzwanzig Stunden luden Augenzeugen Videos hoch, und es stellte sich heraus, dass paramilitärische Beamte an einem anderen Ort im Zentrum Delhis mit sogenannten „Pellet“-Gewehren in die Menge geschossen hatten. Bis dahin waren solche Waffen, die kleine Metallkügelchen unter die Haut aller Menschen treiben, die in der Schusslinie stehen, ein Kennzeichen der Taktik indischer Sicherheitskräfte in Kaschmir gewesen, wo sie seit ihrer Einführung zur Kontrolle von Menschenmengen im Jahr 2010 Tausende Zivilisten verletzt, mehr als hundert erblindet und mehr als ein Dutzend getötet haben. Die Schüsse rund um Jantar Mantar waren der erste bekannte Fall, in dem Strafverfolgungsbehörden diese Waffen in der Landeshauptstadt einsetzten. Indische und internationale Medien bestätigten bald, dass mehrere Demonstrierende wegen Pellet-Verletzungen in örtlichen Krankenhäusern behandelt wurden; mindestens zwei waren mehrfach im Gesicht und am Hals getroffen worden.
Doch auch diese gewaltsamen Taktiken gingen rasch nach hinten los: Bis zum Abend hatten Hunderte Demonstrierende, empört über die brutale Behandlung ihrer Mitschüler und Kommilitonen, das zerstörte Lager und die angrenzenden Bereiche zurückerobert. Am nächsten Tag schien sich die Menge vervierfacht zu haben. Während sich Videos der Angriffe in den sozialen Medien verbreiteten, strömten Unterstützer aus dem ganzen Land zum Jantar Mantar. Einige brachten Essen und Wasser, andere meldeten sich freiwillig zum Müllsammeln. Innerhalb von zwei Tagen war die Menge zu einer klebrigen Masse von Körpern angewachsen, zwischen denen kaum noch Platz blieb. Gleichzeitig entstanden in Städten und Ortschaften hunderte Kilometer von der Hauptstadt entfernt Dutzende Solidaritätsproteste unterschiedlicher Größe. Am Jantar Mantar traf ich einen Schuhfabrikarbeiter aus Agra, einen Fahrradmechaniker aus Meerut und einen Buchhalter mit sicherer Stelle in Delhi, die alle gekommen waren, um die Studierenden zu unterstützen, nachdem sie die Gewaltszenen gesehen hatten. Sie seien gekommen, sagte mir der Mechaniker, „für Indiens Zukunft“.
Jede der unterschiedlichen Gruppen, die zum Jantar Mantar strömten, brachte ihre eigenen Beschwerden mit. Manche waren frustriert, weil sie trotz der Versprechen der Regierung, der Arbeitsmarkt werde sich verbessern, seit Jahren keine Arbeit finden konnten. Andere hatten genug davon, dass die Modi-Regierung ihre religiöse Propaganda verschärfte, aber Themen wie Bildung, Gesundheitsversorgung und die Belastung durch die Inflation vernachlässigte. Wieder andere wollten auf Umweltkrisen aufmerksam machen, die von der Regierung und ihren milliardenschweren Verbündeten begünstigt wurden. Viele hatten jahrelange Erfahrung in der Anti-Kasten-Bewegung – Dipke selbst ist Dalit und bekennender Ambedkarist –, während andere, wie mehrere mir gegenüber einräumten, langjährige BJP-Anhänger waren. Was als Protest über Bildung begonnen hatte, war inzwischen ein Gemisch aus sämtlichen denkbaren Beschwerden gegen Modis Regime.
Frühere Protestwellen gegen die BJP – darunter die Demonstrationen von 2019–2020 gegen den offen antimuslimischen Citizenship (Amendment) Act und die Bauernproteste von 2020 – waren von marginalisierten Gruppen getragen worden. Der Staat reagierte mit gezielter gewaltsamer Repression gegen diese Gemeinschaften, vor allem gegen Muslime; große Proteste gegen diese gezielte Unterdrückung blieben aus. Die Erinnerung an diese Episoden war noch frisch, als die jüngsten Jugendproteste begannen, und viele muslimische Studierende zögerten, erneut ihre Sicherheit zu riskieren, um sich einer Bewegung anzuschließen, die die Verfolgung von Muslimen kaum ausdrücklich thematisierte. Doch nachdem die Polizei auch Hindus aus dominanten Kasten zu misshandeln begann, veränderte sich etwas. Zum ersten Mal selbst unmittelbar unter Beschuss, wurde die Mehrheit mutiger darin, dem Staat entgegenzutreten. Manche Protestierende begannen sogar, wenn auch vorsichtig, die antimuslimischen Maßnahmen der Regierung zu kritisieren.

Dieser Wandel zeigte sich am deutlichsten daran, wie die Protestierenden nach dem Blutbad vom 20. Juli ihr Ziel veränderten. Nun richtete sich der Zorn der meisten Aktivisten nicht mehr in erster Linie gegen Pradhan, sondern gegen Modi selbst. Ich hörte mehrere Gruppen den Rücktritt des Premierministers fordern; manche riefen: „Wenn Modi Angst hat, hetzt er Hindus und Muslime gegeneinander.“ Graffiti mit „FUCK MODI“ verbreiteten sich in der Umgebung; gereimte Sprechchöre nannten den Premierminister einen Feigling, einen Affen und einen Zuhälter. Immer häufiger brachten Menschen auch KI-generierte, oft frauenfeindliche Karikaturen mit, die Modi als üppige Prostituierte zeigten, die „darum gebettelt“ habe, oder als unterwürfige Tradwife, die vor Donald Trump kriecht.
Doch die Entfremdung der Demonstrierenden war keineswegs einheitlich. Wer nach dem 20. Juli durch die Menge ging, konnte die Bruchlinien kaum übersehen. Wenn kastenfeindliche Gruppen mit blauen Fahnen „Jai Bhim“ zu Ehren Ambedkars riefen, stimmten junge Menschen, die zugaben, bis vor Kurzem hindu-nationalistische Sympathien gehegt zu haben, gemeinsam mit ihnen ein. Einzelne versuchten sogar, „Jai Shri Ram“ – ein Markenzeichen antimuslimischer Rhetorik – in den Chor einzufügen. Einmal versuchten CJP-Führer offenbar in der Hoffnung, den Anschein zu wahren, ihre Bewegung sei nicht „politisch“, die Demonstrierenden daran zu hindern, einen populären Wechselruf nach azadi („Freiheit“) zu beginnen, der mit Forderungen nach kaschmirischer Unabhängigkeit verbunden ist, einer nach indischem Recht als aufrührerisch geltenden Position. Studierende linker Gruppen riefen ihn dennoch mit Begeisterung.
In einer Hinsicht verdankte die Kampagne ihre Energie und ihre Größe gerade ihrer nicht ideologischen Haltung. Diese Generation von Demonstrierenden hatte nie etwas anderes gekannt als ein Leben unter der BJP, und für viele von ihnen schien die Ablehnung dieser Politik die Ablehnung politischer Bindungen insgesamt zu erfordern. Indem sie vorgaben, sich auf nicht konfessionelle Themen wie Prüfungsleaks zu konzentrieren, argumentierten viele Demonstrierende faktisch auch, dass sie die Repressalien des Staates nicht verdient hätten.
Nichts davon hinderte die Bewegung daran, einen kühneren Stil anzunehmen als jede andere in den vergangenen Jahren. In einer Kultur, die ständig auf Respekt vor Älteren und Autoritätspersonen pocht, machten diese jungen Demonstrierenden Obszönitäten zu ihrer Lingua franca. Mehrere zeigten sexualisierte Plakate: „Daddy, schlag mich“, „Verhafte mich, aber mach es sexy“, „Mein Leben ist so gesegnet, dass ich Dharmendra Pradhan in den Arsch ficken durfte.“ Die Wirkung dieses neuen Tons lässt sich kaum überschätzen: Er beschädigte Modis stoisches, weisenhaftes Image tiefgreifend, das er bis dahin genutzt hatte, um sich als Vaterfigur der Nation zu inszenieren.
Nach der massenhaften Gewalt begann rund um den Jantar Mantar jedoch auch eine stärker fokussierte politische Kritik hervorzutreten. In Erinnerung an den wenig herzlichen Empfang der Simon Commission standen auf neuen Graffiti an den Barrikaden „MODI GO BACK“ und „SIMON COME BACK“. Auf einer nahegelegenen Mauer erinnerte ein weiterer Hindi-Slogan an den britischen Offizier, der 1919 der Armee befahl, in Jallianwala Bagh in Amritsar das Feuer auf eine unbewaffnete Menschenmenge zu eröffnen: „UNSER PREMIERMINISTER IST EIN FEIGLING. ER IST EIN ZWEITER GENERAL DYER.“ Bei einer Pressekonferenz griff Delhis ehemaliger Chief Minister Arvind Kejriwal von der Aam Aadmi Party denselben Gedanken auf: „Was General Dyer in Jallianwala Bagh tat, ist von Modi übertroffen worden.“
Wenn die Protestierenden die Sympathien der Menschen im ganzen Land gewinnen wollten, wussten sie, mussten sie an ein allgemeines patriotisches Empfinden appellieren. Über die Jahre hat die BJP Film, Popmusik und unverblümte rhetorische Propaganda genutzt, um ihren Ruf als historischer Verteidiger Indiens zu festigen. Erst im vergangenen November erklärte Modi, seine Regierung werde das Land von seiner degenerierten „kolonialen Denkweise“ befreien, indem sie die hinduistische Vergangenheit der Region wiederbelebe. Indem sie Modis Regierung mit Kolonisatoren verglichen, zerlegten Menschen sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft am Jantar Mantar diesen Mythos mit bemerkenswertem Erfolg.
Die BJP beschimpfte die Demonstrierenden mit sämtlichen erwartbaren Etiketten, von „antinational“ bis „Terroristen“. Darin lag eine gewisse Ironie: Die Ursprünge der BJP liegen selbst in einer anderen Massenbewegung von Studierenden mit weitaus militanteren Taktiken. In den 1970er Jahren wuchsen Campusproteste in den Bundesstaaten Gujarat und Bihar zu einer umfassenden Bewegung gegen Regierungskorruption an. Die Studierenden blockierten Straßen, setzten Regierungsgebäude in Brand und forderten schließlich den Rücktritt Indira Gandhis, die damals Premierministerin war. Obwohl die Bewegung von dem im Allgemeinen parteiunabhängigen Aktivisten Jayaprakash Narayan geführt wurde, erhielten die Studierenden Unterstützung von einer unwahrscheinlichen Koalition von Gegnern Indiras – darunter Mitglieder des Jana Sangh, aus dem später die BJP hervorging. Ein wesentlicher Teil der organisatorischen Führung der Bewegung kam zudem vom Akhil Bharatiya Vidyarthi Parishad (ABVP), dem Studierendenflügel des hindu-suprematistischen Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), der ideologischen Mutterorganisation der BJP.
Während Modis drei Amtszeiten hat die BJP-Regierung Geschichtsschulbücher buchstäblich umgeschrieben, hinduistische Figuren verherrlicht und muslimische verteufelt. Im selben revisionistischen Geist scheint die Partei daran gearbeitet zu haben, die Erinnerung an jenen Studierendenaktivismus auszulöschen, der für ihren eigenen Aufstieg so entscheidend war. Nun, da eine andere Art von Studierenden Modis Regierung ähnlich herausfordert, wie die Vorläufer der BJP einst Indira herausforderten, scheint sich die Geschichte zu wiederholen – sehr zum Unbehagen der Regierungspartei.
Heute muss jede Jugendbewegung, die Modis Anspruch auf Indiens Vergangenheit und Zukunft ernsthaft in Frage stellen will, sich unmittelbar mit den hindu-nationalistischen Dimensionen der Repression durch die BJP auseinandersetzen. Am Jantar Mantar machten verschiedene Strömungen – besonders linke Studierendengruppen – wiederholt auf die Manipulation von Kaste und Religion durch die Regierung aufmerksam und griffen dabei oft auf Ideen zurück, die frühere Generationen der Studierendenbewegung unter BJP-Herrschaft entwickelt hatten.
2016, als Modi erst knapp zwei Jahre im Amt war, brachen im ganzen Land Studierendenproteste aus, bei denen die Kaste im Mittelpunkt stand. Unmittelbarer Auslöser war die Nachricht, dass Rohith Vemula, ein Doktorand an der University of Hyderabad in Südindien, der sich als Dalit identifizierte, durch Suizid gestorben war, nachdem die Universitätsleitung ihm seine Unterkunft auf dem Campus entzogen und ihn zusammen mit vier weiteren Mitgliedern der Ambedkar Students Association beschuldigt hatte, einen Studierendenführer des ABVP angegriffen zu haben. Vemula wies den Vorwurf entschieden zurück und erklärte, er werde wegen seiner Kaste und seiner Beteiligung an ambedkaristischer Anti-Kasten-Organisierung ins Visier genommen. „Der Wert eines Menschen wurde auf seine unmittelbare Identität reduziert“, schrieb er in seinem Abschiedsbrief mit Bezug auf seine Dalit-Herkunft. „Meine Geburt ist mein tödlicher Unfall.“
Fast tausend Meilen entfernt, an der Jawaharlal Nehru University (JNU) in Delhi, trat eine kleine Gruppe Studierender aus Solidarität mit den Studierenden in Hyderabad in den Hungerstreik. Im folgenden Monat versuchte eine größere Gruppe, zum Bildungsministerium zu marschieren und die Umsetzung des Rohith Vemula Act zu fordern, um Kastendiskriminierung in der Hochschulbildung einzudämmen. Als sich die Campusproteste in ganz Indien ausbreiteten – und die Polizei mit Schlagstockangriffen reagierte –, kursierten Berichte, wonach die BJP in den Wochen vor Vemulas Tod Druck auf die Leitung der University of Hyderabad ausgeübt habe. (BJP-Minister bestritten jede unrechtmäßige Einmischung in die Entscheidungen der Universität.) Bald forderten Studierende und Akademiker den Rücktritt von Smriti Irani, damals Ministerin für Human Resource Development. Das Ultimatum blieb ohne Wirkung, auch wenn Irani fünf Monate später bei einer Kabinettsumbildung zur Textilministerin „degradiert“ wurde.
In diesen Monaten der Unruhen wurde der achtundzwanzigjährige muslimische JNU-Doktorand Umar Khalid zu einer zentralen Figur der breiteren Bewegung. Im Februar 2016 beschuldigte die Polizei von Delhi ihn und einige andere linke Studierende der „Sedition“, nachdem sie eine Veranstaltung zum Todestag von Mohammed Afzal organisiert hatten, einem Kaschmirer, der wegen eines bewaffneten Angriffs vor dem indischen Parlamentsgebäude 2001 unter umstrittenen Umständen hingerichtet worden war. Hindu-nationalistische Sympathisanten nannten Khalid einen „pakistanischen Agenten“, und er tauchte unter. Einige Tage später schlich er sich jedoch nachts auf den JNU-Campus, um vor einem Banner mit der Aufschrift #JusticeForRohith zu Studierenden zu sprechen.
„Freunde, ich mag Umar Khalid heißen, aber ich bin kein Terrorist“, sagte er zur Menge. Durch ein dürftiges Mikrofon sprechend betonte er nicht nur das Unrecht seiner eigenen Verfolgung – „die Art, wie ich, um Rohith Vemula zu zitieren, auf meine unmittelbare Identität reduziert wurde“ –, sondern auch die Krise des gesamten indischen Hochschulsystems. Seit dem Machtantritt der BJP hatten Studierende und Professoren der Regierung vorgeworfen, die Meinungsfreiheit auf den Hochschulgeländen zu unterdrücken, indem Verbündete des RSS in Spitzenpositionen berufen und Lehrpläne umgebaut würden. Nun erklärte Khalid, dies sei „der Kampf jeder Universität in diesem Land“. Es sei die Verantwortung der Studierenden, beharrte er, sich dem Verfall der Bildung unter rechter Herrschaft zu widersetzen: „Eine Universität, die keinen Dissens lehrt, wird zum Gefängnis.“ Zwei Tage später stellte sich Khalid der Polizei. Er saß fast einen Monat hinter Gittern, bevor er gegen Kaution freikam.

In den folgenden Jahren wurden Studierendenproteste zu einer bemerkenswerten Ausnahme in einer weitgehend eingeschüchterten Öffentlichkeit. 2019, während landesweiter Proteste gegen den Citizenship (Amendment) Act, führten muslimische Frauen in Delhi einen Sit-in an, der eine Schnellstraße blockierte, unterstützt von Studierenden der JNU und zweier bedeutender muslimischer Universitäten, Jamia Millia Islamia und Aligarh Muslim University. Die Polizei drang auf die Campusse von Jamia und AMU ein und griff Studierende mit Schlagstöcken und Tränengas an; an der JNU schlug ein mit Eisenstangen und Steinen bewaffneter Mob Studierende und Lehrende zusammen und verwüstete Gebäude. Mehrere Augenzeugen sagten Human Rights Watch, sie hätten im Mob eine Reihe von ABVP-Mitgliedern erkannt, obwohl niemand offiziell verantwortlich gemacht wurde und die Gruppe jede Beteiligung bestritt. Am 27. Januar 2020 leitete ein BJP-Minister bei einer Kundgebung in Delhi den Ruf „Erschießt die Verräter“, womit muslimische Demonstrierende gemeint waren, die den Sit-in unterstützten. Offenbar durch die Äußerung des Ministers angeregt, schoss drei Tage später ein Vigilant mit einer Pistole auf Demonstrierende nahe dem Jamia-Campus.
Wochen später drohte ein anderer BJP-Minister, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, falls die Polizei die Demonstrierenden nicht von den blockierten Straßen rund um die Stadt entferne. Gruppen hinduistischer Männer versammelten sich an verschiedenen Orten, und bald versank Nordost-Delhi in Gewalt – zunächst zwischen Unterstützern und Gegnern der Proteste, dann zwischen Hindus und Muslimen. Eine Frau wurde lebendig verbrannt, Männer wurden erschossen, Moscheen, Schulen und Geschäfte angezündet. Ruhe kehrte erst drei Tage später ein, nachdem paramilitärische Kräfte eingetroffen waren. Es war die schlimmste hindu-muslimische Gewalt, die die Hauptstadt seit Jahrzehnten erlebt hatte: 53 Menschen wurden getötet, 38 davon Muslime.
Diese Unruhen fielen mit Trumps Ankunft in Delhi zu seinem ersten Staatsbesuch in Indien zusammen. Obwohl es keinerlei Beweise dafür gibt, dass Khalid, der sein Studium abgeschlossen hatte, aber Aktivist geblieben war, damals überhaupt in Delhi war, verhaftete ihn sieben Monate später die Polizei von Delhi, die der Zentralregierung untersteht, wegen des Vorwurfs, die Gewalt organisiert zu haben. Er wurde zusammen mit mehreren anderen muslimischen Studierendenaktivisten auf Grundlage des drakonischen Unlawful Activities (Prevention) Act von 1967 inhaftiert, der es der Regierung faktisch ermöglicht, Menschen auf unbestimmte Zeit ohne Kaution in Untersuchungshaft zu halten.
Sechs Jahre später sind Khalid und Sharjeel Imam, ein weiterer Geschichtsstudent der JNU, noch immer inhaftiert. In einem Anfang dieses Jahres veröffentlichten Bericht schrieb Khalid, nachdem der Supreme Court ihm und Imam die Freilassung gegen Kaution verweigert hatte, er schöpfe Kraft aus dem Wissen, Teil „einer Geschichte zu sein, die für die Zukunft geschrieben werden wird“. Als Erinnerung habe er, so Khalid, ein Zitat aus Bhagat Singhs Gefängnisnotizbuch an die Wand seiner Zelle geritzt: „Jedes winzige Aschemolekül ist durch meine Hitze in Bewegung / Ich bin ein solcher Verrückter, dass ich selbst im Gefängnis frei bin.“
Inzwischen galt Khalid selbst als gefährlicher Revolutionär. Für die Behörden war schon die bloße Nennung seines Namens bei den jüngsten Jugendprotesten bedrohlich. In Bangalore konfiszierte die Polizei das Plakat „Free Umar Khalid“ einer Demonstrantin. Eine andere Frau bei derselben Demonstration, die ein Schild mit der Aufschrift „Es lebe Umar Khalid“ hochgehalten hatte, wurde von der Polizei anhand von Videoüberwachungsbildern aufgespürt; später wurde ein Vorfallbericht gegen sie aufgenommen und eine Untersuchung eingeleitet. Als laut Berichten des Indian Express einige Protestierende bei einer Solidaritätskundgebung in Goa „Free Umar Khalid“-Plakate mitgebracht haben sollen, nahm die örtliche Polizei mindestens zwei Personen fest und verhörte sie dazu, ob sie Khalids „Hintergrund“ kannten und ob sie Parolen zu seiner Unterstützung gerufen hatten – und wenn ja, wie oft. Unter den 240 Punkten des Fragebogens, den die Polizei ihnen vorlegte, stand die Frage: „Was verstehen Sie unter den Worten ‘Free Umar Khalid’?“
Doch Khalid war auch für die Protestierenden selbst zu einem schwierigen Symbol geworden. Als ein BJP-Minister versuchte, die Proteste zu diskreditieren, indem er alte Tweets eines CJP-Sprechers zur Unterstützung Khalids hervorholte, wich der betreffende CJP-Funktionär offenbar einer Stellungnahme zu Khalids Inhaftierung aus und sagte lediglich, die Gruppe konzentriere sich auf Bildungsreformen. Diese Zurückhaltung enttäuschte die linken Verbündeten der CJP, die argumentierten, Khalids Geschichte sei Teil desselben studentischen Kampfes. Einige Wochen später erklärte Neha Bora, die AISA-Führerin, die am Hungerstreik teilgenommen hatte: „Umar Khalid ist keine Frage von nationalistisch oder antinational … Es geht um die Frage, was für ein Land wir aufbauen wollen.“
Einige Protestierende versuchten aus Angst vor staatlichen Repressalien, Erwähnungen Khalids in der Menge zu unterbinden, und baten andere, ihre FREE UMAR KHALID-Schilder wegzustecken. Andere sah ich dagegen Exemplare von Fractured Communities hochhalten, Khalids kürzlich veröffentlichter Dissertation über die Geschichte indigener Gruppen im Osten Indiens unter britischer Herrschaft. Ein Demonstrant hielt außerdem ein handgeschriebenes Plakat hoch – ein Hinweis auf die Bedeutung von Khalids Denken und Organisieren –, das in den sozialen Medien besonders viel Zustimmung fand: „UMAR KHALID ging, damit Gen Z rennen konnte.“
Nun, da auch sie als „antinationalistische Terroristen“ bezeichnet wurden, begann dieser Teil der jungen Demonstrierenden vielleicht zu verstehen, was Khalid seit Langem predigte. Seiner Ansicht nach kann eine autoritäre Regierung nur bekämpft werden, wenn Studierende Brücken zwischen ihren Kämpfen und denen von Muslimen, Dalits, Arbeitern, indigenen Gemeinschaften und Bauern schlagen – also den Hindu-Nationalismus frontal angreifen. Obwohl der Mainstream der jüngsten Studierendenproteste solche direkten Angriffe bewusst zu vermeiden versucht hat, zwingt das Verhalten des Staates sie nun, die Fassade aufzugeben, ihre Aktionen hätten keine ideologische Dimension: Muslimische Freiwillige wurden festgenommen und von Vigilanten angegriffen, und Modi setzte in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag Dissidenten mit maoistischen Separatisten gleich und nannte sie „intellektuelle Naxal2“. Anfang August musste Dipke, der Gründer der CJP, einräumen, dass Khalid einen fairen Prozess verdiene.
Vier Tage nach dem erbarmungslosen staatlichen Vorgehen am Jantar Mantar schien die Bewegung verzweifelt auf irgendeinen greifbaren Erfolg zu hoffen. Einige hundert Meter vom Zentrum des Protestgeländes entfernt, auf der Straße zum Parlament, beobachtete ich Hunderte Demonstrierende, die Polizei und paramilitärischen Einheiten gegenüberstanden. Eine Kette überforderter Freiwilliger versuchte zu verhindern, dass Teile der Menge die Konfrontation eskalieren ließen. Dann, unerwartet, nach Mitternacht, brach Wangchuk seinen Hungerstreik ab. Er teilte ein Foto, auf dem BJP-Funktionäre sein Krankenbett umringten, und sagte, sie hätten versprochen, die Anliegen der Protestierenden im Parlament aufzugreifen. Weniger als eine Stunde zuvor war Modi in einem Selfie-artigen Instagram-Video aufgetreten und hatte versprochen, ein Bildungsreformgesetz zu verabschieden.
Die CJP-Führung zeigte sich erleichtert über die Aussicht auf Wangchuks Genesung, distanzierte sich jedoch von seiner Entscheidung, sich mit BJP-Ministern zu arrangieren, und setzte den Protest ohne ihn fort. Online kam unterdessen weder Modis kitschiges Video noch – wie ein Nutzer in den sozialen Medien schrieb – sein spätabendliches „Fuckboy“-Timing beim anvisierten Gen-Z-Publikum gut an; eine Flut von Reels verspottete die auf seine Nasenlöcher fokussierte Kameraführung, seine schleppende Sprechweise und seine angestrengten Versuche, cool zu wirken, indem er die Demonstrierenden als „Freunde“ ansprach.
Am nächsten Tag feuerte die Polizei mehrere Salven Tränengas auf Parliament Street ab. Einige Demonstrierende kippten Barrikaden um; zuvor hatte ich Menschen in Bäumen sitzen sehen, die leere Wasserflaschen und Stöcke auf die Beamten warfen, nun schleuderten noch mehr Menschen ähnliche Gegenstände vom Boden aus. Die Polizei wiederum schlug auf Demonstrierende ein, die sie aus der rasch zurückweichenden Menge zu fassen bekam. Minuten später kündigte Bildungsminister Pradhan auf X seinen Rücktritt an. (Auffällig war, dass er keinerlei Fehlverhalten einräumte.)
Als sich die Nachricht in der Menge verbreitete, schrien und sprangen die Menschen. Rufe wie „Wir haben gewonnen!“ und „Es lebe die Revolution!“ hallten über den Platz. Einige Stunden später erklärte die CJP den Protest für beendet und sagte, die Regierung habe zugesichert, Demonstrierende in den kommenden Tagen nicht zu bestrafen. Für die meisten war es ein Tag des Sieges, auch wenn andere befürchteten, die Proteste seien vorschnell abgebrochen worden – gerade als die Bewegung Fahrt aufgenommen hatte. Während sie mit ihren Freunden feierten, sagten mir einige Studierende, sie fragten sich, was sie noch hätten fordern können, wenn sie weitergemacht hätten.

In den folgenden Tagen sollte sich die Skepsis gegenüber dem Friedensangebot der Regierung als berechtigt erweisen. Über Nacht, als die Polizei das Protestgelände von Menschen und Material räumte, begann die Regierung, ihr Versprechen, keine Vergeltung zu üben, zurückzunehmen. Mehr als hundert Protestierende im ganzen Land wurden mit Strafanzeigen konfrontiert; The Indian Express berichtete, die Polizei von Delhi habe Müllberge am Jantar Mantar nach beschrifteten Verpackungen durchsucht und Restaurants in der Stadt ins Visier genommen, die Demonstrierende mit Essen versorgt hatten. Um die Lage zu retten, drohte die CJP, das Lager wieder aufzubauen. Daraufhin beeilte sich die Regierung, der CJP zu versichern, sie werde ihren Teil der Vereinbarung einhalten – doch mehr als einen Monat später weigert sie sich noch immer, dem Supreme Court eine Liste der Vorfallberichte gegen Protestierende zu übermitteln, damit das Gericht diese Verfahren einstellen kann.
Das Modi-Regime scheint darauf zu warten, dass die Unzufriedenheit verfliegt. Oppositionspolitiker fordern eine Parlamentsdebatte über die Proteste, doch die Regierung verweigert Gespräche. Pradhan wurde durch Pralhad Joshi ersetzt, einen anderen Bildungsminister, der wohl noch stärker hindu-suprematistisch orientiert ist und zudem weniger Bildungsabschlüsse besitzt als sein Vorgänger. (2022 verteidigte Joshi die vorzeitige Freilassung von elf Hindu-Männern, die wegen der Vergewaltigung einer muslimischen Frau verurteilt worden waren.) Die Polizei von Delhi hat unterdessen Social-Media-Plattformen angewiesen, sämtliche Inhalte mit dem zu entfernen, was ein Bericht als „beleidigende Bemerkungen“ gegen den Premierminister bezeichnet.
Am 31. Juli veröffentlichte Modi ein weiteres Selfie-Video, in dem er den „ungezogenen Kindern“, die ihn beschimpft hatten, „vergab“. Doch eine Armee von Online-Trollen – die The Washington Post in einem anderen Fall direkt mit der IT-Infrastruktur der BJP in Verbindung gebracht hat – bombardierte weibliche Demonstrierende weiter mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen. Ein fünfzehnjähriges Mädchen, das den Premierminister als „Schwanz“ bezeichnet hatte, musste sich öffentlich entschuldigen, nachdem eine Hasskampagne sie und ihre Familie inzwischen zum Umzug gezwungen hat.
Die Bewegung scheint jedoch weiterzumachen. In den vergangenen Monaten hat sie die Hauptstadt weitgehend verlassen und sich ins Landesinnere verlagert. Im östlichen Bundesstaat Jharkhand traten Hochschulstudierende in den Hungerstreik, um gegen Unregelmäßigkeiten bei einer staatlichen Einstellungsprüfung zu protestieren. Delegationen von AISA und CJP reisten zur Unterstützung nach Jharkhand und begannen anschließend getrennte landesweite Mobilisierungstouren. Nach fast einem Monat setzten die Studierenden in Jharkhand ihre Proteste aus, nachdem die Landesregierung, die nicht mit der BJP verbündet ist, einigen ihrer Forderungen nachgegeben hatte. Im August setzte die Polizei im von der BJP regierten Bihar Wasserwerfer gegen Demonstrierende ein, die zum Haus des Chief Ministers marschierten und eine fairere Durchführung staatlicher Einstellungsprüfungen verlangten. Eine Gruppe Studierender aus der breiteren Bildungsprotestbewegung in Bihar erklärte sich später bereit, die Proteste zu beenden, nachdem die Regierung einer zentralen Forderung zugestimmt hatte.
Die überraschendste Entwicklung ist die Ausweitung der gesellschaftlichen Basis der Bewegung. Schulkinder in verschiedenen Teilen Indiens streiken für mehr Lehrpersonal und bessere Einrichtungen, ein Trend, den Nutzer sozialer Medien als „Gen Alpha rising“ beschrieben haben. Die CJP, die sich entschieden hat, eine Interessengruppe zu bleiben, statt in die Wahlpolitik einzutreten, hat nun die Grundschulbildung zu ihrem nächsten großen Anliegen gemacht.
Die diffuse Natur der Bewegung ist zugleich ihre Stärke und ihre größte Herausforderung. So sinnlos es ist, von einer Massenprotestbewegung dogmatische Geschlossenheit zu erwarten, so töricht wäre es auch, die administrativen Versäumnisse der BJP von ihrem klaren ideologischen Projekt trennen zu wollen. Wenn die Bewegung den Druck aufrechterhalten und schließlich einen relevanten politischen Wandel an den Wahlurnen erzwingen will, wird sie ihre breit angelegten Forderungen aller Wahrscheinlichkeit nach mit einer expliziteren Anklage gegen die unablässige Spaltungspolitik der BJP verbinden müssen.
Generationen von Studierendenprotesten im Land haben genau diesen Punkt betont. Sechs Jahre nach Beginn seiner Haft schrieb Umar Khalid einen öffentlichen Brief an Rohith Vemula: „Lieber Rohith, in einer kalten sternklaren Nacht schaue ich aus meiner Gefängniszelle in den Himmel. Ich sehe den hellsten Stern und stelle mir vor, du lächelst mir von dort oben zu.“ Khalid wünschte, Vemula wäre mit ihm in Freiheit, damit sie nicht nur ihre „Frustrationen“ und „Romanzen“ vergleichen, sondern auch „debattieren und entschlüsseln könnten, was im Leben dieser Republik schiefgelaufen ist“. Für ihn war klar, dass gerade dieses politische Bewusstsein unter Studierenden das war, was die Regierung verzweifelt verhindern wollte. „Indem sie dich in den Tod trieben und mich ins Gefängnis steckten, sorgten sie dafür, dass dieses Gespräch niemals stattfinden konnte“, schrieb er. „Denn genau das fürchtet das Regime: junge Menschen, die denken.“
Poorna Swami ist Schriftstellerin, Übersetzerin, Forscherin und Choreografin aus Bangalore, Indien.
Sie schreibt über Kunst und Kultur, Literatur und Politik. Ihre Essays, Kritiken und Reportagen erschienen unter anderem in The New York Review, Lux, im Blog der London Review of Books, in The Caravan, Open und Mint-Lounge. Ihre Lyrik wurde in Zeitschriften wie Indiana Review, Hayden’s Ferry Review, Indian Quarterly und Prelude veröffentlicht.
Von 2015 bis 2017 war Poorna India Editor-at-large der internationalen Online-Vierteljahreszeitschrift Asymptote und Mitherausgeberin des ersten Sonderdossiers der Zeitschrift zur ins Englische übersetzten Dichtung in indischen Sprachen. 2018 erhielt sie den Srinivas Rayaprol Poetry Prize für junge indische Dichterinnen und Dichter. Außerdem erhielt sie 2023 den Jawad Memorial Prize, 2024 ein ALTA Emerging Translators Mentorship und 2026 den PENxSALT Translates Award für ihre Übersetzungen aus dem Urdu.
Im Alter von sieben Jahren begann Poorna mit der Ausbildung in Bharatanatyam, einer klassischen indischen Tanzform, und erweiterte ihre Ausbildung später um zeitgenössischen Tanz und postmoderne Techniken. Ihre choreografischen Arbeiten überschreiten häufig Disziplingrenzen, sind jedoch in formalen Untersuchungen des Körpers verwurzelt. Ihre Werke wurden in Indien und den USA gezeigt, zuletzt bei der G5A Foundation for Contemporary Culture, im 1 Shanthi Road Studio/Gallery, bei Chatterjee & Lal und beim Serendipity Arts Festival. 2018 erhielt sie ein danceWEB-Stipendium beim ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival.
Poorna hat einen BA in Dance-Theatre und English vom Mount Holyoke College. Derzeit promoviert sie an der Harvard University in South Asian Studies sowie Women, Gender & Sexuality Studies.
Anm. d. Übers.
Bhimrao Ramji Ambedkar (1891-1956), indischer Jurist, Ökonom, Politiker und Sozialreformer aus einer Dalit-Gemeinschaft, war eine der wichtigsten Persönlichkeiten im Kampf gegen das Kastensystem. Er leitete den Redaktionsausschuss der indischen Verfassung und war der erste Justizminister des unabhängigen Indien; für Dalit- und Anti-Kasten-Bewegungen wurde er zu einer zentralen Bezugsperson.
Naxal: Bezeichnung für revolutionäre kommunistische Aktivisten und Bewegungen maoistischer Prägung in Indien. Der Name geht auf Naxalbari zurück, ein Dorf in Westbengalen, wo 1967 ein Bauernaufstand ausbrach, aus dem die naxalitische Bewegung hervorging. Im weiteren Sinne wird der Begriff bisweilen abwertend für Aktivisten oder Intellektuelle verwendet, denen maoistische Sympathien oder eine radikale Feindschaft gegenüber dem Staat vorgeworfen werden.




