Gideon Levy, Haaretz, 23.August 2026

Ein paar Stunden Chaos am Flughafen versetzten die Israelis in Wut und die Medien in Raserei. Doch die Besessenheit von Ben Gurion spiegelt etwas Tieferes wider: die Hierarchien des Landes, sein Überlegenheitsgefühl und vor allem sein Bedürfnis nach einem Fluchtweg.
Plötzlich verstand ich den Wahnsinn der Tempelberg-Getreuen*. Schließlich haben wir die „Ben-Gurion-Flughafen-Getreuen“. Man wage es nur nicht, unseren Flughafen anzutasten, den gesamtisraelischen Tempel, der bereits gebaut ist.
Es ist lange her, dass ganz Israel so wütend war wie am vergangenen Donnerstag, als der Flughafen von einem zwei- bis dreistündigen Streik getroffen wurde. Den selbstgerechten Fernsehmoderatoren quollen vor lauter Anstrengung, die Verantwortlichen zu geißeln, beinahe die Augen aus dem Kopf. Sie waren wütender, als sie es je zuvor wegen irgendetwas gewesen waren. Viele Israelis schworen, bei der kommenden Wahl eine andere Partei zu wählen. Hätte es ein oder zwei Stunden länger gedauert, wären die Straßen in Brand gesetzt worden.
Es ist wirklich unangenehm, einen vor Wut explodierenden Flughafen zu sehen, und noch unangenehmer ist es, einen Flug zu verpassen, auf den man lange gewartet hat. Doch zwischen dem Ausmaß der Tragödie und dem Wehklagen der Öffentlichkeit darüber bestand keinerlei Verhältnis.
Gewiss, wir sprechen von einem Inselstaat, für den Flugreisen der einzige Ausweg sind. Da sind die endlosen Kriege, ein glühend heißer Sommer mit explodierenden Flugticketpreisen, ein Gefühl von Erstickung und Verzweiflung und das Bedürfnis nach den Kurzurlauben, ohne die das Leben sinnlos ist, für Reiche wie für Arme. Doch all diese Erklärungen können das Ausmaß des Wahnsinns, der um sich griff, nicht erklären.
Schon vor dem Debakel vom 20. August gab es keine Nachrichtensendung, die nicht einen Bericht vom Flughafen enthielt. Die Preise steigen, die Preise fallen; es gibt Angebote, es gibt keine; riesige Schlangen, leere Terminals; Hainan Airlines strich Flüge, Air Baltic nahm sie wieder auf. Uns wird viel mehr darüber berichtet, was im Terminal geschieht, als darüber, was in Gaza geschieht. Es ist wichtiger und interessanter. Es ist ein Gradmesser dafür, wie Israel von der Welt akzeptiert wird, und zugleich ein Gradmesser absoluten Glücks.
Die Menschen reden mehr über die Preise von Flügen als über die Preise von Tomaten, obwohl sie von Letzteren mehr kaufen. Nichts spiegelt den Zeitgeist besser wider als die Werbung für Duty-free-Waren am Flughafen: „Sie hat Jetlag, es ist so lange her, dass sie Duty-free-Luft geatmet hat“, heißt es in einer davon. Auch hier herrschte in den Jahren, als sich nur sehr wenige eine Auslandsreise leisten konnten, um ein Dampfbügeleisen aus Zypern mitzubringen, ein Gefühl der Beklemmung. Die Öffnung des Luftraums löste einen Massenansturm aus, und Flüge verwandelten sich von Prestigezeichen in Lebenszeichen.
Mehr noch als die Flüge selbst wurde der Flughafen Ben Gurion zu einem verehrten Tempel. Er wurde zum Mini-Israel, das alles hat, nur kleiner. Er wurde zum Regime des Landes im Kleinformat, mit der Diskriminierung von Ausländern, die beiseitegenommen werden, und der unterschiedlichen Behandlung israelischer Araber, die endlos verhört werden. Palästinenser aus den Gebieten gibt es dort überhaupt nicht. So mögen wir sie: mit der Illusion, es gebe keine Besatzung.
Die Sicherheit wird so gehandhabt, wie Israelis es lieben, mit einer Atmosphäre der Geheimniskrämerei ringsum. Haben Sie Ihre Koffer selbst gepackt? Die Reichen, die gut Vernetzten und die VIPs warten in Lounges, die ausländischen Arbeiter reinigen nach uns unsere Tische und Toiletten, unsichtbar, genauso wie außerhalb des Flughafens. Die Kontrollen am Eingang richten sich nach dem Akzent: Juden gehen einfach durch, Araber werden zur Seite geschickt. Schauen Sie, was am Flughafen Ben Gurion geschieht, und Sie sehen Israel mit all der vertrauten Aggressivität, dem Rassismus, der Gewalt und der Vulgarität.

So sieht ein Ort des Massenkults aus. Die übertriebene Beschäftigung mit dem, was dort geschieht, spiegelt die unverhältnismäßige Bedeutung wider, die Israel ihm beimisst. Dass es nur einen solchen Ort gibt, verleiht ihm eine zusätzliche Aura der Bedeutung. Das Kriegsgefühl an der Heimatfront wird an der Zahl der auf Israel abgefeuerten ballistischen Raketen, an der Zahl der schrillenden Sirenen und, nicht weniger als daran, an der Zahl der Fluggesellschaften gemessen, die ihre Flüge hierher aussetzen. Auch Pandemien leeren das Terminal, wobei der Flughafen als Gesundheitsindikator dient.
Über allem steht die existenzielle Notwendigkeit, wegzugehen, koste es, was es wolle, und sei es nur für eine kurze Auszeit. Der Gier nach ausländischen Pässen, die alle Rekorde gebrochen hat, entspricht die Leidenschaft fürs Fliegen, die die nationale Mentalität widerspiegelt. Die Welt liebt uns, die Welt hasst uns, wir müssen hier raus. Wir sind in allem die Größten und Besten, aber wir müssen wegfliegen. Der Glücksindex in Israel schnellt Umfragen zufolge in die Höhe – lasst uns nur hin und wieder wegfliegen. Ein ausländischer Pass als Auswanderungsoption, ein offener Flugplatz als Fluchtoption.
Dann kommt ein Gewerkschaftsboss namens Pinhas Idan daher und vergreift sich an unserem Allerheiligsten. Er wird dafür weit stärker zur Rechenschaft gezogen werden als die wirklich schwergewichtigen Verbrecher.
Anm. d. Übers.
* Die Getreuen des Tempelbergs (hebräisch: Ne’emanei Har HaBayit) sind eine von Gershon Salomon gegründete extremistische und jüdisch-nationalistische Gruppe. Die Bewegung setzt sich dafür ein, die islamischen Bauwerke auf dem Haram al-Scharif/Tempelberg (den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee) abzureißen, um dort den Jerusalemer Tempel wiederzuerrichten. Sie fordert die vollständige und uneingeschränkte Bekräftigung der israelischen Souveränität über diese heilige Stätte in Jerusalem. Die Kleingruppe organisiert regelmäßig Märsche und versucht, auf dem Gelände Rituale abzuhalten, was zu starken Spannungen mit der muslimischen Gemeinschaft führt. Die israelischen Behörden verwehren ihren Mitgliedern häufig den direkten Zugang zum Gelände, um schwere Gewaltausbrüche zu verhindern.




